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Stellungnahmen

CGB erinnert an I00 jähriges Jubiläum der Stegerwald Rede zum interkonfessionellen Unionsgedanken -Erster Entwurf für eine christliche Volkspartei-

Am 21. November 1920 hielt der christliche Gewerkschaftsführer und Zentrumspolitiker Adam Stegerwald auf dem 10. Kongress der Christlichen Gewerkschaften im Saalbau zu Essen seine berühmte Rede "Die christliche Arbeiterbewegung und die Lebensfragen des deutschen Volkes". In dieser Rede ging Adam Stegerwald auf die Situation der Arbeitnehmerschaft ein, aber auch auf die Lage Deutschlands nach dem verlorenen Weltkrieg, der Abdankung der Monarchie, Schaffung der Republik und der neuen in Weimar entstandenen Verfassung. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt ein Land, das durch innenpolitische und wirtschaftliche Krisen zerrissen war, in dem von Feinden der Republik geputscht wurde, das zum Teil besetzt war und unter den Auflagen des Versailler Friedensvertrages litt.

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Deutschland, das Land der Reformation, litt aber immer noch unter der religiösen Trennung von Katholiken und Protestanten. Die konfessionelle Spaltung führte auch zu politischer und gesellschaftlicher Spaltung. Die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratie waren in dieser Zeit stark antikirchlich eingestellt, so dass die christlich orientierte Arbeitnehmerschaft sich in eigenen Christlichen Gewerkschaften organisierte, und zwar überkonfessionell. Dies allerdings wurde vom Klerus der katholischen Kirche überhaupt nicht gerne gesehen. Mehr als 10 Jahre ging der sogenannte Gewerkschaftsstreit, der die Entwicklung der Christlichen Gewerkschaften hemmte und die damals antikirchlichen Kräfte stärkte. Erst die Enzyklika von Papst Pius X „Singulari quadam" sorgte für die Duldung der Mitgliedschaft und Mitarbeit von Katholiken in den Christlichen Gewerkschaften. Die Gründung der Christlichen Gewerkschaftsbewegung war auch die erste Gründung einer ökumenischen Bewegung. Mit der Essener Rede des christlichen Gewerkschaftsführers Adam Stegerwald wurde der Versuch unternommen, auch die noch getrennt arbeitenden christlichen politischen Bewegungen zu einer Christlichen Volkspartei zu einen. Dies gelang erst nach der Katastrophe des II. Weltkriegs mit der Gründung von CDU und CSU. Die katholischen Wähler stützten zuvor die Zentrumspartei und viele evangelische Christen waren in der christlich sozialen Bewegung von Stöcker oder der liberalen Bewegung von Naumann aktiv. Das Zentrum war aber auch um die Mitwirkung von evangelischen Christen und Juden bemüht. So hatte die Reichstagsfraktion des Zentrums immer auch einige wenige jüdische und evangelische Mitglieder. Dies war schon im Sinne des großen Zentrumsführers Ludwig Windhorst. Stegerwald wollte mit seiner Essener Rede eine christlich geprägte Volkspartei schaffen, die die Richtung Ketteler, Stöcker und Naumann vereinte.

Hier die betreffenden Auszüge aus der Essener Rede:

Was wird heute nicht an Zeit vertan in den unvermeidlichen täglichen Kabinettssitzungen und Parteiführerbesprechungen bei einem Koalitionssystem von drei gleich starken Parteien! Wenn man dann unter sich einig geworden ist, muss zudem heute noch erst mit der außerhalb der Regierung stehenden S.P.D. in allen kritischen Fragen Fühlung genommen werden. Über solchen Verhandlungen müssen naturgemäß trotz besten Willens die sachlichen Gesichtspunkte verschwinden und die taktischen dominieren. (Sehr richtig!) So kommen wir nie zum Wiederaufstieg. (Lebhafte Zustimmung.) Wir müssen daher unter allen Umständen auf die Konsolidierung unseres Parteisystems hinarbeiten. Eine solche Konsolidierung ist aber nur möglich durch eine gemäßigte Partei, die mindestens ebenso stark ist wie die mehrheitssozialistische. Diese Partei muss, wenn sie Bestand haben soll, in erster Linie eine tiefe und breite Basis in der Gesinnung der Wähler haben. (Sehr richtig!) Ich halte alle Parteikombinationen, wenn sie zukunftsreich und positiv sein sollen, in Deutschland für unmöglich, die sich ausschließlich auf bestimmte wirtschaftliche und berufspolitische Forderungen oder auf die Geschicklichkeit und Fähigkeit einzelner parlamentarisch sehr erfahrener Persönlichkeiten gründen. (Sehr richtig!) Wir haben es ja immer wieder in der Geschichte des deutschen Liberalismus gesehen, wohin es führt, und erleben es heute wieder bei den sozialistischen Parteien.

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Die große gemäßigte Partei, zu der wir unbedingt kommen müssen, sie kann sich nur aufbauen auf der Grundlage positiv christlicher Gesinnung. (Lebhafte Zustimmung) Ich habe es eingangs ausgeführt: Weder von Programmen, noch von Gesetzen kann uns letzten Endes die Rettung kommen, sondern einzig und allein von der Durchdringung des ganzen öffentlichen Lebens mit einem wahrhaft christlichen Geist. (Lebhafte Zustimmung und Händeklatschen.) Es sind noch mächtige Schichten im ganzen Volke vorhanden, die man zu diesem Zwecke zu einem Block zusammenschmieden kann. Heute sind diese Kräfte nicht nur in konfessioneller, sondern leider auch in politischer Beziehung getrennt. Solange wir eine feste Reichsgewalt hatten, war es zu ertragen. Heute aber, wo insgeheim und offen an allen deutschen Grenzen starke Magnete angesetzt sind, um den brüchig gewordenen Stahlblock auseinanderzuziehen, da bedeutet die schroffe politische Scheidung der Katholiken und Protestanten eine ungeheure Gefahr. (Sehr richtig!) Aus dauernd getrenntem politischem Marschieren können starke Entfremdungen und Spannungen eintreten, zumal wenn zwischen ihnen ständig die Scheidelinie Regierung und Opposition liegt. Die Entfremdung zwischen Brüdern ist der erste Schritt zur offenen Feindschaft. Dieses Unglück darf nicht noch zu allem anderen über Deutschland kommen. Darum müssen wir alle christlichen Kräfte auch zu politischer Stoßkraft zusammenraffen, solange es noch Zeit ist. (Sehr richtig!)

Die Zeit aber drängt. Sie drängt vor allem aus all den nationalen Rücksichten, die ich heute schon wiederholt betont habe. Dass die politische Zusammenfassung der positiven christlichen Kreise diesen nationalen Rücksichten am stärksten entspricht von allen denkbaren Kombinationen, dass sie, weil sie im Geiste historischer Tradition und im Glauben an die Autorität wurzelt, am besten geeignet ist, Träger eines wahrhaft nationalen Gedankens zu werden, dessen Wesen heute mehr denn je in der Opferbereitschaft bestehen muss, darüber brauche ich in einer Versammlung wie der heutigen, kein Wort zu verlieren.

Wenn Deutschland wieder emporsteigen soll, dann muss der Wille dazu in den Massen möglichst breit und tief verwurzelt sein. Zu diesem Zweck muss die politische Zusammenfassung der positiven christlichen Elemente eine ausgesprochen demokratische und soziale Prägung haben. (Sehr richtig!) Ich habe schon seit Jahren für die Auffassung von der Demokratie, wie sie bei uns in den Gewerkschaften verwurzelt ist, in der Öffentlichkeit gekämpft. Ich glaube, diese Auffassung auch heute genügend präzisiert zu haben, um nicht in den Verdacht zu kommen, ein blinder Verehrer der Demokratie der Weststaaten Europas, der Scheindemokratie, zu sein. Was wir wollen, ist die organische Demokratie, die Fortsetzung des Werkes, das vom Freiherrn vom Stein begonnen und unbeendet geblieben ist. (Sehr richtig!) Wir wollen die Erziehung des Volkes zur Bejahung des staatlichen Gedankens, die bei uns leider keine Selbstverständlichkeit ist, durch möglichst ausgedehnte Teilnahme an der Selbstverwaltung. (Bravo!)
Wir lehnen die blinde Anbetung des staatlichen Machtgedankens ebenso auf das nachdrücklichste ab wie die Verständnislosigkeit gegenüber dem Machtgedanken als solchem, ohne den kein Staat bestehen kann, eine Verständnislosigkeit, die dazu führt, dass man jeweils in den Krisen unserer nationalen Geschichte sich ausschließlich besinnt auf innere Mächte, die in einer anderen Sphäre liegen oder den vergeblichen Versuch macht, sich an romantischen Erinnerungen für praktische Politik zu orientieren.

Diese politische Zusammenfassung der positiven christlichen Kräfte muss so weithin sichtbare und unverwischbare soziale Linien aufweisen, dass sie in der Lage ist, Phantasie und Denken der großen Massen zu erfüllen und dauernd in Anspruch zu nehmen. Wenn sie diese Züge nicht aufweist, so ist die Aufgabe vom Beginn an gescheitert. Wir dürfen nicht bei einer theoretischen Betonung des Christentums stehen bleiben, sondern wir müssen auch den Mut haben, praktische Konsequenzen zu ziehen. In diesem neuen politischen Gebilde ist kein Raum für Persönlichkeiten, die noch immer glauben, durch taktische Mittel und durch Ausnutzung bestimmter Druckmittel an den elementarsten sozialen Forderungen der Zeit vorbeizukommen. Mit diesen Grundforderungen, das möchte ich hier gleich betonen, rede ich aber nicht einer Arbeiterpartei das Wort. Das würde unserer mehr als zwanzigjährigen Tradition ins Gesicht schlagen. Auf einen solchen Gedanken kann überhaupt niemand kommen, der einen genauen Einblick in die geistigen und materiellen Kräfte der Arbeiterbewegung hat.

Was wir wollen, ist die Zusammenfassung der vaterländischen, christlichen, volkstümlich und wahrhaft sozial denkenden Kreise aus allen Volksschichten, besonders auch aus den intellektuellen. Und gerade hier setze ich meine Hoffnung auf die junge Intelligenz, von der ich weiß, dass der Geist von 1914 in ihr noch nicht erloschen ist, dass er nur der Hinleitung auf praktische Ziele, auf ein Zusammengehen mit den vaterländisch denkenden Massen, bedarf, um wieder zu lebendiger Glut zu entflammen.

Was wir aber nicht brauchen können, das sind die Leute, die immer noch nichts gelernt haben, (Sehr richtig!) die nichts anderes können, als auf die schlechten Zeiten schimpfen ohne positive Gedanken und Tatkraft für das Bessermachen aufzubringen. (Lebhafte Zustimmung.)

Hier müssen sich doch einmal in allen Berufsgruppen die Wege scheiden, in der Landwirtschaft wie in der Industrie und im Handwerk. In allen diesen Gruppen gibt es breite Kreise, mit denen man verständig politisch arbeiten kann, aber auch solche Schichten, mit denen nie eine Einigung möglich sein wird. Eins aber will ich ganz besonders hervorheben: Der Werte schaffende Kaufmannsstand ist für jede Volkswirtschaft unentbehrlich. Aber ein Zusammengehen mit dem ausschließlich spekulativen Großkapital, das heute in Deutschland, morgen in Holland und Amerika domiziliert und übermorgen unter einer anderen Flagge von dort zurückkehrt, wenn bei uns die wirtschaftliche Lage sich wieder gebessert hat, - mit diesem Kapital und all denen, deren Denken restlos in der Berechnung spekulativer Gewinnmöglichkeiten aufgeht und die alles nur von hier aus orientiert haben wollen, gibt es heute nie eine Verständigung.

Wer war Adam Stegerwald:

Er wurde am 14.12.1874 im Dorf Greußenheim nahe Würzburg in eine kleinbäuerliche Familie hineingeboren. Er hatte 7 Geschwister, besuchte die dörfliche Volksschule und nach Mitarbeit in der elterlichen Landwirtschaft erlernte er den Schreinerberuf. Er ging auf die Walz und kam so mit dem Kolpingwerk in Verbindung. Er ließ sich dann in München nieder, wurde aktives Mitglied im christlichen Holzarbeiterverband und bildete sich in Abendkursen in Volkswirtschaft weiter. Früh wurde er auch Mitglied der Zentrumspartei. Bereits 1899 wurde er Vorsitzender des Zentralverbandes christlicher Holzarbeiter. Schnell stieg er in Politik und Gewerkschaft auf. 1902 wurde er Generalsekretär der Christlichen Gewerkschaften, später deren Vorsitzender. Der bayerische Franke Stegerwald wurde nach 1919 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und der verfassungsgebenden Versammlung Preußens. Danach Mitglied des preußischen Landtags und des Reichstags. Er war stets stark politisierend in Gewerkschaft und Politik. Die Christlichen Gewerkschaften machte er stark mit über 2,5 Millionen Mitglieder und auch im Zentrum war er ein großer politischer Führer. Für die Christlichen Gewerkschaften und Gewerkschaftsmitglieder gründete er in Berlin die Deutsche Volksbank, die ihren Sitz nach Essen verlegte. Ihre Nachfolgerin ist die National Bank. Er wurde in Preußen einige Jahre Volkswohlfahrtsminister und sogar einige Monate Ministerpräsident von Preußen. Im Reich war er Verkehrsminister und in der Regierung Heinrich Brünings Reichsarbeitsminister. Heinrich Brüning war in den Jahren 1920/21 sein persönlicher Referent und dann sein Nachfolger als Generalsekretär der Christlichen Gewerkschaft. Stegerwald gehörte zu denen in der Reichstagsfraktion des Zentrums, die notgedrungen für das Ermächtigungsgesetz stimmten. Am Ende des II. Weltkriegs lebte er in seiner fränkischen Heimat. Die amerikanische Besatzungsmacht ernannte ihn zum Regierungspräsidenten von Unterfranken. Er wirkte noch bei der Gründung der CSU und der Unionsparteien mit. Ihren großen Erfolg erlebte er nicht mehr. Am 3. Dezember 1945 verstarb Adam Stegerwald nach einer Lungenentzündung in Würzburg.

V.i.S.d.P.:
Ulrich Bösl, stv. CGB-Bundesvorsitzender

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Gedruckt am 26.09.2020 0:41.